strassenkreide Blog

Ein kleine Sammlung zu Geocaching, Streetart, Lost Places und so

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin! oder Was macht eigentlich die Qualle da?

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin! oder Was macht eigentlich die Qualle da?

„Duhu, was wollen wir an unserem Jahrestag machen?“

„Weiß nicht.“

„Es wäre voll geil, wenn man sich irgendwo mit Torten bewerfen könnte…“

Pling! Link im Messenger aufgetaucht. „In Berlin geht das“.

 

Tortenwerfen war tatsächlich der ursprüngliche Grund, um nach Berlin zu fahren. Gemacht haben wir es aber doch nicht. Unter anderem, weil ich mir für viel weniger Geld viel mehr Torten gegen den Kopp werfen könnte. Außerdem hatten wir doch zu wenig Zeit, denn die Planung inkludierte nur ein Wochenende in Berlin.

Was also machen, wenn nicht Tortenwerfen? Murals gucken und Orgeln riechen, ist ja wohl klar 😉 Gestaltet hat sich das aber doch schwierig als gedacht.

Para-wer?

Para-wer?

Aber erstmal von vorne. Gebucht wurde über airbnb, ziemlich spontan. Keine Bilder zum Zimmer, wenig Bewertungen, günstig recht zentral, klang ganz nett, wird schon passen. Hin kamen wir mit Blablacar. Unser Fahrer, mit dem wir sowohl auf Hin- als auch Rückfahrt unterwegs waren, heißt Dirk und anfangs dachten wir, er sei Botschafter, weil wir die Sache mit den Blablacar Profilen noch nicht verstanden haben (Botschafter ist ein Rang für erfahrene User, für alle, die es nicht wissen). In einem Konsulat arbeitet Dirk zwar nicht, aber während der doch 7 stündigen Fahrt haben wir rausgefunden, dass Dirk ziemlich gute Musik hört, raucht wie ein Staubsauger und dass mein Freund und Dirks Vater seit Jahren im selben Chor singen. Klein ist die Welt.

Während der gesamten Hinfahrt habe ich auf Dirks Rückbank Wolle verteilt und gehäkelt. Seit London habe ich mir vorgenommen, in jeder großen Stadt, die ich besuche irgendwo ein selbstgemachtes Häkel- oder Strickding aufzuhängen. Yarn Bombing quasi, oder Guerilla Knitting (was beim Häkeln nicht ganz korrekt wäre) oder wie auch immer man das nennen möchte. Diesmal habe ich mich für eine Qualle entschieden und kurz vor Abfahrt am Hauptbahnhof in Mainz noch schnell eine Packung Kosmetikwatte zum Füllen für das Quallentier gekauft.

Sonnenuntergang auf der Hinfahrt

Sonnenuntergang auf der Hinfahrt

In Berlin kamen wir also zwei Stunden später an als geplant. Erstmal Kulturschock. Ausgestiegen sind wir an der Warschauer Straße, mitten in Friedrichshain, einen Steinwurf von der East Side Gallery entfernt (was wir erst am nächsten Tag im Hellen bemerkt haben). Überall Leute. Und das um 11 Uhr abends. Bei uns im Vorort werden um 10 die Bürgersteige hochgeklappt. Und die Mainzer Innenstadt ist nicht unbedingt für ihr reges Nachtleben bekannt. Umso mehr war ich geschockt, weil mir gefühlt in 5 Minuten mehr Leute entgegen kamen, als ich an einem Wochenende Abends in Mainz gesehen habe.

Pistole und Absätze in unserem Zimmer

Pistole und Absätze in unserem Zimmer

Unser Host war super, auch wenn im ersten Moment sehr gewöhnungsbedürftig. Zur Begrüßung gab es erstmal lecker Weinsche aus dem Weingeschäft im Erdgeschoss. Und nach ein paar Gläschen Weinsche gab es eine Geschichtsstunde: Mein Freund, nennen wir ihn einfach „der Bär“, hatte noch nie von besetzten Häusern gehört. Noch nie. Und dabei wohnten wir sogar über das Wochenende in einem solchen ehemaligen.

Schild im Hausflur

Schild im Hausflur

Eben dieses Mietshaus in ehemals Ostberlin ist teilweise noch immer von den damaligen Hausbesetzern bewohnt. Eigentümer sind Mr. und Mrs. Smith, ein altes Oldschool Punk Paar aus London (ist echt kein Witz). Unser Host hat uns von stillschweigenden Mietverträgen erzählt – „Dann überweist man dem neu aufgetauchten Eigentümer jeden Monat einen symbolischen beitrag von einer Mark, und wenn der zwei, drei Monate lang nichts sagt, wohnt man da“ -, vom Supamolly – jetzt eine Bar, auf der damals zur Zeit der Razzien und besetzten Straßenzüge ein riesiger, mehrere Liter fassender Molotow Cocktail stand – von Musik, von Filmen und von dem kleinen Kind in seiner Wohnung, dass nicht richtig schlafen kann, wenn es zu still ist.

Butterfly

Butterfly

Nach ordentlichem Ausschlafen und großer Verwirrung mit der BVG am nächsten Tag erstmal Berlin erkunden. Friedrichshain hat Charme, geile Burger! (Kreuzburger, super Worstpiel), super nette Leute (süßeste Verkäuferin im Dampferladen ever), bloß das dortige Verständnis von Second Hand Kleidung entspricht zu 0% meinem eigenen. Schade eigentlich. Na gut, dann auf zur East-Side-Gallery.

Die Gallery soll eigentlich ein öffentlich zugängliches „Museum“ sein, dass den letzten stehenden Teil der Berliner Mauer und die zugehörigen Grafittis aufzeigen soll, aber stattdessen gab es durch die Menge Bauzäune nur eingeschränkte Sicht. Ein paar nette Fotos haben wir aber trotzdem hinbekommen.

 

Pinna

Pinna

Unterwegs an der East Side Gallery

Unterwegs an der East Side Gallery

East-Side-Gallery

East-Side-Gallery

 

Ganz in der Nähe der East-Side-Gallery ein Aquarell Mural einer italienischen Künstlerin. Das Farbenspiel mit der Wand und den blaßen Tönen beeindruckt, finde ich. Mehr Infos zur Künstlerin und zum Mural findet ihr hier.

Suspended

Suspended

 

Nächster Punkt: Die Riechorgel. Ja, das Ding macht Gerüche, keine Geräusche. Nein, wir haben uns nicht Bach angehört. Um genau zu sein, haben wir uns Gerüche zu Geräuschen zu Gemüte geführt, die Szenerien an Bahnhöfen, Supermärkten, auf einem Bauernhof, im Hafen und sogar an einer Hochzeit untermalen und plastisch werden lassen. Die Andeutung eines Blumenstraußes, wenn die Braut vorbeigeht, der Geruch nach Metall, Desinfektionsmittel und Urin, aber auch der Geruch von Heu, alle diese Gerüche nimmt man viel intensiver war, wenn es dazu keine optischen Reize gibt. Der Bär ist natürlich eingeschlafen, weil es so schön dunkel und entspannend war.

Die Riechorgel

Die Riechorgel

Das ganze nennt sich Synosmie, betitelt „Häuserfugen“. Gerochen werden nicht nur Synosmien, sondern es werden auch Musikstücke begleitet oder auch Filme mit Gerüchen untermalt.

Einer der Filme ist „Die andere Heimat“, ein vierstündiger Heimatfilm Epos aus dem Hunsrück, über bleiben und verreisen, Armut und Sehnsucht und das Leben auf dem Land.  Am Erscheinungstag habe ich mir den Film im Programmkino in Mainz angesehen: Die leeren Weingläser, die nach der Pause auf der Ablage vor den Kinositzen stehen und die Gesichter, die wissen, dass sie weitere zwei Stunden Kuhdung, Zwetschgenmus und Heimat erwarten, die werde ich nie vergessen.

Osmodrama Plakat

Osmodrama Plakat

Titel des Geruchsfestivals ist „OSMODRAMA“ und bis zum 18. September 2016 findet das Festival noch in der St. Johannes Evangelist Kirche in Berlin Mitte statt. Wer es bis dahin nicht schafft, dem empfehle ich den ausführlichen Artikel in der Zeit, der nicht nur das Festival, sondern auch die Hintergründe der Riechorgel behandelt.

Der Weg zurück zum Zimmer hat uns erst bewusst gemacht, wie sehr Berlin stinken kann. Den 200 Meter entfernten Inder haben wir beim Vorbeigehen auf dem Hinweg nicht gerochen, beim Verlassen der Kirche schlug uns jedoch eine deftige Curryfahne um die Nase. Curry gemischt mit Abgasen, Gullideckelgeruch, Dreck und Berlin halt. Zum Glück verfliegt dieser hypersensible Geruchssinn wieder ganz schnell. Ansonstne hätte ich es in Berlin doch kein Wochenende ausgehalten.

Schweizer Taschenmesser

Schweizer Taschenmesser

Den Abend haben wir mit Wein, Bier und Maiskolben im gemeinsamen Garten der Reihenhäuser verbracht, in denen wir gewohnt haben. Die Mieter haben zwischen den einzelnen Gartengrundstücken die Zäune abgerissen, damit die Kinder miteinander spielen konnten.

Gefräßiges schwarzes Tierchen

Mülleimer Gesichter ganz in der Nähe des Zimmers

Am Lagerfeuer gab es einen sehr ausführlichen Vortrag über Thermodynamik – „Und dann ist im Axel-Springer-Haus einfach die Wand umgefallen! Und wieso? Thermodynamik sag ich euch. Thermodynamik! Haben die das studiert, die die Wand aufgezogen haben? Nein. Die Wand ist einfach umgefallen. Wegen der Thermodynamik!“ (der ungefähre Wortlaut) – und ein lange währendes  und sehr interessantes Gespräch über Progammierungsdogmata.

Am Lagerfeuer habe ich dann auch mein Quallentier fertigstellen können. Da klar war, dass wir am nächsten Tag schon wieder um 15 Uhr am Hbf Berlin sein müssten, waren die Programmpunkte auf Essen und Qualle aufhängen beschränkt.

Die versprochene Qualle

Die versprochene Qualle

Wegen akuter Planlosigkeit hängt mein Quallentier jetzt am Geländer der Gustav-Heinemann-Brücke (neben einem totaaal goldigen Bügelperlen Streetart). Jedes Touristenschiffchen, dass unter der Brücke durchfährt, könnte also meine Qualle sehen. Bis zur Abfahrt gab es mal wieder Burger – ja, ich glaube, ich habe mich an dem Wochenende nur von Veggie-Burgern, Pommes und Mais ernährt.

Qualle wird angebracht...

Qualle wird angebracht…

Berlin, du siehst mich wieder! Am liebsten mit Dirk als Chauffeur, noch viel mehr Streetart und Weinsche und natürlich tiefsinnigen Lagerfeuergesprächen über Programmierung und den Sinn des Lebens.

 

Und zum Abschied winkt die Qualle.

quallen_schaukeln

 

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Das traurige Mädchen von Mainz

Das traurige Mädchen von Mainz

Die schiefen Frauen – wie ich sie nenne – , die immer mal wieder in Mainz als Graffiti auftauchen, sind auch als „das traurige Mädchen“ oder auch „Maria“ bekannt.

Eine dieser schiefen Frauen ist mit das erste Graffiti, dass mir bewusst in der Neustadt aufgefallen ist. Einige der Fotos vom traurigen Mädchen sind mittlerweile auf gedruckten Postkarten gelandet, die ich mit Postcrossing durch die ganze Welt geschickt habe. Damit das traurige Mädchen nicht nur in Mainz ihr Zuhause hat.

Regenbogenpullover

Regenbogenpullover

Was ich bis vor einiger Zeit nicht wusste, ist, dass diese sogar Lokalprominenz erlangt haben. Nicht nur diverse Streetart Blogs ( zum Beispiel dosenkunst, danares.mag oder ein sehr großes Archiv hier) sondern auch Lokalmedien berichten über das immer wiederkehrende Graffiti und haben sogar ein Interview mit der Künstlerin durchgeführt.

Die Interviews findet ihr hier und hier.

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Hier kann man doch vom Boden essen…

Hier kann man doch vom Boden essen…

Am Samstag habe ich endlich einen Lost Place besucht, den ich schon länger im Auge hatte. Eine Freundin von mir wollte unbedingt Fotos in ihrem neuen Gothic Outfit machen und ich durfte mich bereit erklären, die Bilder zu schießen. Da zu einem düsteren Outfit besonders gut ein düsterer Ort passt, habe ich mich dazu entschieden, ein paar Fotos in einer Hausruine zu machen, die man von der Autobahn aus zwischen Lerchenberg und Finthen sehen kann.

Gesagt, getan. Da ich leider (O-Ton) „einen Orientierungssinn wie eine Bockwurst“ habe und wir beide den Punkt auf der Karte einfach nicht haben finden können, sind wir trotz Navi etliche Male im Kreis gefahren, haben ein paar Feldwege unsicher gemacht, erfolglos neben der Coface Arena geparkt und laut disktuierend das Haus auf der Karte gesucht, uns versehentlich in Gonsenheim verirrt, wieder ein paar Feldwege unsicher gemacht und zu guter letzt mitten in der Pampa geparkt, um gefühlte 2km zu Fuß zurückzulegen. Also sind wir zu zweit direkt neben der Autobahn auf dem Feldweg spaziert, auf einem schmalen Weg zwischen zwei Feldern durchgestakst, haben eine Unterführung überquert, nur um dann festzustellen, dass der Weg von der Coface Arena aus wesentlich kürzer und unbeschwerter gewesen wäre.

An dieser Stelle sei ein großes Lob an den Hersteller der Spitzenstrumpfhose meiner Freundin ausgesprochen: 3/4 des Weges durchs Feld hat sie ohne Schuhe, dafür mit Strumpfhose, zurückgelegt, und die Netzstrumpfhose hat weiterhin genauso viele Löcher, wie auch vorher schon. Mit Plattform Heels ließ es sich aber auch nicht besonders bequem durch den Acker laufen…

 

Der Fliederbusch

Der Fliederbusch

Das Gebüsch am Eingang

Das Gebüsch am Eingang

Die Hausruine an sich ist ein genialer Ort zum Klettern, liegt direkt vor den Eisenbahnschienen, umrahmt von Fliederbüschen und Bäumen. Am Eingang haben wir die allerersten Fotos gemacht, da die blauen Haare meiner Freundin einen schön leuchtenden Kontrast zur mehr oder weniger absichtlich weißen Wand gegeben haben.

 

Der Eingang

Der Eingang

Fast die gesamte Decke des zweistöckigen Hauses ist eingestürzt. In den ersten Stock gelangt man nur noch, in dem man über den Schutt klettert und sich an den Planken festhält.

 

Graffitti im Erdgeschoss

Graffitti im Erdgeschoss

Fenster im Erdgeschoss

Fenster im Erdgeschoss

Im OG eröffnet sich aber nicht nur ein Paradies für Sprayer, sondern auch verschnörkerlte Verandagitter und ein Ausblick auf die umliegenden, gelb leuchtenden Rapsfelder.

Der Rest des 1. OG

Der Rest des 1. OG

 

Graffiti ohne Dach

Graffiti ohne Dach

J&M =

J&M = <3

Die Schwelle zum verschwundenen Zimmer

Die Schwelle zum verschwundenen Zimmer

Der Balkon

Der Balkon

Widerstandsfähige Mauern

Widerstandsfähige Mauern

Die Rapsfelder

Die Rapsfelder

 

Hier ist es so sauber, man kann sich sogar hinlegen

Hier ist es so sauber, man kann sich sogar hinlegen

Scheinbar haben sich hier erst kürzlich Leute wohnlich eingerichtet. Neben Bierflaschen und Kästen findet man auch Decken und alte Sofapolster, Gabeln und es hast sich sogar jemand die Mühe gemacht, eine Art Gardine anzubringen.

Die schick drapierte Gardine

Die schick drapierte Gardine

Ein sehr bequemer Schlafplatz

Ein sehr bequemer Schlafplatz

 

Die unscharfe Gabel

Die unscharfe Gabel

Der Fußweg zurück war mindestens so langwierig wie der hinweg, ging aber durch die fehlenden High Heels deutlich schneller. Zumindest ging die Heimfahrt deutlich schneller als die Rückfahrt. Nach Hause findet man ja bekannterweise immer 😉

Hingehen werden wir auf jeden Fall nochmal. Dann allerdings in bequemeren Klamotten, alle Teile der Ruine haben wir schließlich noch nicht erklettert.